In der Schule haben sie sich kennengelernt, verheiratet sind sie seit fast 60 Jahren. Was ist das Geheimnis ihrer Partnerschaft?
Inge und Günther Hermann begrüßen ihren Gast herzlich und bitten ihn ins Haus. Man muss nicht lange Smalltalk halten bei den Hermanns: Hier ist jeder willkommen und darf schnell auf den Punkt kommen. Das Thema des Interviews ist gesetzt: Was ist das Geheimnis eurer langen Partnerschaft? Die beiden lachen. Sie müssen überlegen, bis sie eine Antwort finden.
Es ist eine ungewohnte Frage. Inge und Günther entstammen einer Generation, in der man kräftig angepackt hat, anstatt viel zu hinterfragen. In der man sich Schritt für Schritt eine Existenz aufbaute und keine großen Träume verfolgte. In der die Welt nicht aus Fernreisen und Selbstverwirklichung bestand, sondern aus dem Dorf und der Familie.
„Das war halt so“, hört man öfters im Gespräch mit Inge und Günther. „Da hat man nicht so viel nachgedacht.“ In diesen Sätzen schwingt jedoch kein Bedauern mit. Sie sind Feststellungen.
Den Eltern keinen Kummer machen
Schon von Kindesbeinen an waren Inge und Günther gewöhnt, sich in die Bedürfnisse der Familie einzupassen. Gehorsam und Ordnung waren wichtig, den Eltern keinen Kummer machen. Den gab es schon genug.
Inges Mutter musste Haushalt und Familie alleine stemmen, während der Vater in Berlin arbeitete. Vor allem aber warf der plötzliche Tod der jüngsten Tochter Annemarie einen Schatten auf das Familienleben. Für Inges Trauer um ihre Schwester, der sie sehr nahe gestanden hatte, gab es keinen Raum. „Wie ein Niemand“ habe sie sich oft gefühlt, sagt Inge. „Keiner hat mit mir geredet. Das verkraftet man nicht.“ Ihre Augen füllen sich in der Erinnerung mit Tränen.
Günthers Mutter war erst 18, als sie ihn bekam. Stets war sie voller Angst und Sorge um ihren einzigen Sohn – wohl auch unter dem Eindruck der verlustreichen Vertreibung ihrer Familie aus Bessarabien in den 1940ern, dem Zweiten Weltkrieg und der langen Kriegsgefangenschaft des Vaters. Erst 1956 kehrte Günthers Großvater aus der russischen Kriegsgefangenschaft heim zur Familie. Bis dahin mussten die Frauen alleine durchkommen. „Meine Oma hatte insgesamt elf oder 12 Kinder, einige sind gestorben, am Ende waren es sechs Kinder“, erzählt Günther. „Meine Mutter war die Zweitälteste. Sie haben in den räudigsten Bruchbuden gewohnt, bis Opa kam.“
Eine Kindheit auf dem Dorf

Inge und Günther lernten, sich um sich selbst zu kümmern, während die Eltern hart arbeiteten. Darin lag aber auch eine große Freiheit. „Wir waren immer draußen, den ganzen Tag lang bis zum Abend. Wir sind auf Bäume geklettert und um die Häuser gerannt. Ich musste immer rennen, wollte mich auspowern“, erinnert sich Inge.
Günther weiß noch, wie er eines Tages im Winter klitschnass nach Hause kam. Er war beim Schlittschuhlaufen in der Havel eingebrochen, obwohl ihm die Mutter das Eislaufen verboten hatte. Natürlich war er trotzdem auf den zugefrorenen Fluss gegangen. Das Eis taute auf seiner Kleidung, Pfützen bildeten sich. Die Mutter schaute ihn von oben bis unten an – dann kam der Handfeger. Günther erzählt es ohne Groll. „War berechtigt“, sagt er und lacht.
Mit dem Fahrrad, später dem Motorrad, eroberten Inge und Günther mit ihren Cliquen das Dorf und die Umgebung. Es entspann sich ein Freundes-Netzwerk, das die beiden bis heute begleitet.
Gemeinsam etwas erreichen

Vieles im Leben der beiden entstand, weil es schlichtweg nahe lag. Dass Inge nach der Schule Verkäuferin wurde und Günther eine Gärtnerlehre machte, ergab sich durch Zufälle. Auch, dass Inge und Günther 1967 ein Paar wurden, entwickelte sich fast von selbst. Die beiden kannten sich aus der Schule. Irgendwann trafen sie sich im Jugendclub. Sie gefielen sich. Und sie stellten fest, dass ihre Pläne gut zusammenpassten. Selbstständig werden, etwas erreichen, eine Familie gründen: Das war beiden wichtig.
„Ich wusste ganz genau: Wenn ich dir sage, wo es lang geht, dann kommen wir weit“, sagt Inge augenzwinkernd zu ihrem Mann. Günther nickt ihr zu. „Ja, du hast immer viele Ideen, Inge. Und ich arbeite ja auch sehr gern. Uns beide hat das gemeinsame Ziel zusammengeschweißt. Wir wollten gemeinsam vorwärtskommen.“
Im November 1968 heirateten sie, da war Inge 19 und Günther 20 Jahre alt. Im Mai 1969 kam Tochter Silke auf die Welt, im Juli 1971 wurde Sohn Tino geboren. Die junge Familie richtete sich auf dem Hof von Günthers Eltern ein, in einer kleinen Wohnung unterm Dach. Günther war als LKW-Fahrer viel unterwegs, Inge arbeitete Teilzeit als Verkäuferin im Dorfladen und Vollzeit als Managerin der Familie.
Sie plant, er macht

Es war eine Zeit voller Herausforderungen. Während Günther noch heute vom guten Verdienst und dem Freiheitsgefühl schwärmt, das er im Führerhaus seines LKW auf den Straßen der DDR erlebte, fühlte sich Inge von der Last der Verantwortung für Kinder und Haushalt häufig erdrückt. Zudem spürte sie eine Konkurrenz zur Schwiegermutter. „Sie hat ihrem Sohn immer so eine Krone aufgesetzt, hat ihn gelenkt.“
Doch Inge biss sich durch, so wie sie es bei ihrer Mutter gesehen und gelernt hatte. Damit handelte sie sich Anerkennung und Respekt ein – nicht nur von ihrem Mann, sondern auch von der Schwiegermutter.
„Oma hat immer gesagt: Inge ist das Hirn, Günther macht“, gibt Inge ein Zitat ihrer Schwiegermutter wieder. So, wie Günthers Mutter die Paardynamik zusammengefasst hat, zeigt sie sich auch im Gespräch und beim Beobachten der beiden. Inge braucht Struktur und zugleich die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und Neues zu entdecken. Sie ist die, die Regeln aufstellt und Pläne macht: für die Kindererziehung, den Küchenausbau, den nächsten Urlaub. Günther ist der, der mitzieht und die Ideen praktisch umsetzt. Es liegt in seinem Naturell, wie er selbst sagt: weil er gerne dazulernt und hilfsbereit ist. Und weil er seine Inge liebt.
Dann kam der Mauerfall
Hand in Hand, sich wertschätzend und ergänzend, haben Inge und Günther viele schöne Momente erlebt und Erfolge gefeiert. Campingurlaube mit den Kindern, Tanzabende und Reisen mit Freunden, die Geburten der beiden Enkelsöhne gehören dazu. Zugleich machte sie ihre Partnerschaft auch in Krisenzeiten stark. Zum Beispiel 1989, dem Jahr des Mauerfalls. Inge war damals 42, Günther 43 Jahre alt.
Die beiden hatten sich gut eingerichtet in der DDR, hatten sichere Jobs, waren zufrieden, die Kinder fast erwachsen. Alles hätte in ruhigen Bahnen weiterlaufen, sogar endlich leichter werden können. Doch der Zusammenbruch der DDR zog den beiden den Boden unter den Füßen weg. Sie verloren ihre Arbeit, alles war plötzlich unsicher, das alte Leben scheinbar nichts mehr wert. Dann starb auch noch Inges Mutter.
Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte Inge keine Kraft mehr, sondern eine tiefe Erschöpfung. „Es war ein Gefühl, als hätte ich Brause in den Beinen“, sagt Inge nachdenklich. „Ich hatte ja immer gedacht, dass mir nichts was anhaben kann, dass ich dieser Sonnenschein bin. Das war das erste Mal, das ich gemerkt habe, dass ich nicht dieser ewig starke, unverwüstliche Mensch bin.“
Sich neu erfinden

Da übernahm Günther. Als der HO-Laden zum Verkauf stand, in dem Inge gut 20 Jahre gearbeitet hatte, beschloss er, ihn zu kaufen und dort eine gemeinsame berufliche Existenz mit Inge aufzubauen. Hartnäckig verfolgte er den Plan – und er gelang.
25 Jahre, bis zur endgültigen Schließung 2016, führten Inge und Günther den Dorfladen, expandierten sogar ins nahe gelegene Krielow und Schmergow. Mit wiedergewonnener Kraft und Kreativität sorgte Inge bald dafür, dass der Laden mehr wurde als eine Einkaufsstätte. Mit Frischetheke, Imbiss, Catering-Service und einem offenen Ohr für Kundenwünsche machten Inge und Günther den ehemaligen HO-Laden zum beliebten Treffpunkt im Dorf.
Heute ist das Haus in der Groß Kreutzer Straße ein Seniorenwohnheim. Günther übernahm den aufwändigen Umbau und die Vermietung. Das brachte wiederum ihn an seine Grenzen. Doch das Paar konnte sich erneut aufeinander verlassen: In Inge fand Günther die treue Partnerin und Stütze, die er in der aufreibenden Zeit brauchte.
Sie geben sich gegenseitig Heimat

Trotz aller Gemeinschaft: Inge und Günther ist es gelungen, sich über all die Jahrzehnte hinweg persönliche Freiräume und Eigenheiten zu erhalten. So, wie sie sich im Laden die Arbeit aufgeteilt haben, machen sie es auch im Privatleben. Früher schon und auch heute, als Rentnerin und Rentner.
Inge sorgt dafür, dass die Familie regelmäßig zusammenkommt, Günther ist ein beliebter Helfer und Netzwerker im Dorf. Inge trifft sich mit den Deetzer Frauen zum Spielenachmittag, Günther mit dem Neffen zum Frühschoppen. Auf diese Weise bewahren sich beide ein Stück Autonomie – und die Gelegenheit, den eigenen Gedanken nachzuhängen und Atem zu holen.
Denn auch das brauchen sie, wie sie voneinander wissen. Wenn Inge nach Günthers Geschmack zu viel redet oder Günther Inges Ordnungsstandards nicht erfüllt, gehen sie nicht aufeinander los, sondern auch mal auf Abstand. Inge beruhigt ihre Nerven mit Kreuzworträtseln, Günther puzzelt im Garten oder in der Werkstatt. Doch lange dauert das nie. Inge sucht das Gespräch, Günther den Kompromiss. So finden sie wieder zueinander.
„Gemeinsam ist es am schönsten“, sagt Günther. Inge nickt. Sie schaut ihn liebevoll an, dann blickt sie sich um. Man kann ihr ansehen, dass sie stolz ist auf das, was sie mit Günther geschaffen hat.
Gemeinsam haben sie sich das Zuhause ihrer Träume aufgebaut. Gemeinsam wollen sie mit dem Wohnmobil noch ein Stück von der Welt sehen. Ein Kosmos voller Erinnerungen verbindet Inge und Günther – und ein Geschenk, das sie sich täglich neu geben. Man könnte es Heimatgefühl nennen.




